Demographie

In den Kostenrechnungen produzierender Unternehmen stehen Material, Energie und Personal ganz oben. Was zwischen diesen Positionen geschieht – das Heben, Drehen und Positionieren schwerer Lasten in der eigenen Halle –, taucht dagegen selten als eigene Zeile auf. Es gilt als Nebentätigkeit, als etwas, das eben anfällt. Betriebswirtschaftlich ist das ein Trugschluss. Innerbetriebliche Handhabung bindet Arbeitszeit, verursacht Ausfälle und entscheidet in vielen Betrieben darüber, wie viele produktive Stunden am Ende einer Schicht übrig bleiben. Wer die Zahlen dahinter zusammenrechnet, kommt schnell in Größenordnungen, die eine Investitionsentscheidung rechtfertigen.

Ausfalltage sind teurer geworden

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) schätzt die volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle durch Arbeitsunfähigkeit für das Jahr 2024 auf rund 134 Milliarden Euro; der Ausfall an Bruttowertschöpfung liegt bei etwa 227 Milliarden Euro. Dahinter stehen gut 881 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage, im Durchschnitt 20,8 Tage je beschäftigter Person.

Für Industriebetriebe ist vor allem eine Diagnosegruppe relevant: Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems verursachen seit Jahren knapp ein Viertel aller Fehltage und sind damit die häufigste Ursache von Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. Die BAuA weist darauf hin, dass körperliche Fehlbelastungen wie schweres Heben und Tragen eine wesentliche Ursache dieser Beschwerden sind. Die Belastung verteilt sich zudem ungleich: Auswertungen von Krankenkassendaten zeigen deutlich erhöhte Fallzahlen in Berufsgruppen mit hoher körperlicher Beanspruchung, darunter Werkzeugmacher, Zerspaner und Industriemechaniker – also genau in den Tätigkeiten, die in der Metallverarbeitung den Kern der Wertschöpfung bilden.

Für den einzelnen Betrieb bedeutet ein Fehltag mehr als die Lohnfortzahlung. Hinzu kommen entgangene Deckungsbeiträge, ungeplante Umbesetzungen und, bei Spezialistinnen und Spezialisten, schlicht nicht ersetzbares Erfahrungswissen.

Der zweite Hebel liegt beim Stillstand

Noch direkter schlagen Handhabungsvorgänge auf die Anlagenverfügbarkeit durch. Werkzeugwechsel, Coilwechsel, Wartung und Instandsetzung erfordern das Bewegen und Wenden von Lasten, die mehrere Tonnen wiegen. Steht dafür keine geeignete Technik zur Verfügung, verlängert sich jeder Vorgang: Krane werden gebunden, Werkzeuge auf Böcken abgelegt, mit Anschlagmitteln umgeschlagen und in mehreren Schritten in die Wartungslage gebracht.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Materialbereitstellung. Coils kommen liegend angeliefert, werden aber stehend abgewickelt oder umgekehrt – jede Umlagerung ist ein eigener Vorgang mit eigener Rüstzeit und eigenem Risiko. Wo dieser Schritt improvisiert wird, entsteht ein Engpass, der die gesamte Linie taktet.

Rechnerisch ist der Effekt einfach zu beziffern. Wer den Maschinenstundensatz einer Presslinie kennt, kann jede eingesparte halbe Stunde Rüstzeit unmittelbar bewerten. Bei mehreren Wechseln pro Woche summieren sich diese Beträge im Jahresverlauf auf Summen, die viele Betriebe unterschätzen – zumal Stillstände selten isoliert bleiben. Steht die Presse, verschieben sich nachgelagerte Prozesse, Zwischenläger füllen sich, Termine geraten unter Druck. In Fertigungen mit knapper Kapazität ist die Rüstzeit damit häufig der eigentliche Engpass, nicht die Taktzeit.

Provisorien haben ihren Preis

In vielen Hallen haben sich über Jahre Arbeitsweisen etabliert, die funktionieren, aber nicht geplant wurden. Werkzeuge werden mit dem Hallenkran gekippt, mit Kanthölzern abgestützt oder von zwei Personen gemeinsam gedreht. Solche Improvisationen sind aus zwei Gründen teuer.

Erstens tragen sie ein Unfallrisiko, das sich schwer versichern lässt: Pendelnde Lasten, unkontrollierte Kippbewegungen und Quetschstellen gehören zu den typischen Gefährdungen beim manuellen Wenden schwerer Bauteile. Zweitens gefährden sie das Werkzeug selbst. Ein Folgeverbundwerkzeug ist ein Investitionsgut mit sechsstelligem Wert; eine beschädigte Führungssäule oder ein verzogener Grundkörper kostet nicht nur die Reparatur, sondern auch die Zeit bis zur Wiederverfügbarkeit.

Beides sind Risiken, die in der Kalkulation selten auftauchen, weil sie unregelmäßig eintreten. Ökonomisch sind sie deshalb nicht weniger real, sondern nur schlechter sichtbar.

Hinzu kommt die rechtliche Seite. Die Gefährdungsbeurteilung ist für jeden Arbeitsplatz verpflichtend, und bei manueller Lastenhandhabung gehört die Prüfung technischer Alternativen ausdrücklich dazu. Ein dokumentierter Befund, der eine bekannte Fehlbelastung über Jahre unverändert lässt, ist im Schadensfall keine gute Ausgangslage – unabhängig davon, ob tatsächlich etwas passiert ist.

Demografie verschärft die Lage

Der dritte Faktor ist struktureller Natur. Die Belegschaften in der deutschen Industrie altern, und der Ersatz für ausscheidende Fachkräfte lässt sich vielerorts nicht mehr zuverlässig rekrutieren. Ein Arbeitsplatz, der auf Muskelkraft und Routine gebaut ist, funktioniert mit einer jungen Mannschaft. Mit einer Belegschaft, deren Durchschnittsalter jenseits der fünfzig liegt, funktioniert er nicht mehr zuverlässig.

Damit wird Ergonomie zu einem Thema der Personalplanung. Betriebe, die körperlich belastende Tätigkeiten technisch entschärfen, halten erfahrene Mitarbeitende länger im Prozess und verringern die Abhängigkeit von wenigen körperlich belastbaren Personen. Im Wettbewerb um Fachkräfte ist die Ausstattung des Arbeitsplatzes zudem ein Argument, das im Vorstellungsgespräch überprüfbar ist – anders als die meisten Aussagen zur Unternehmenskultur.

Wann sich eine Investition rechnet

Für die Bewertung solcher Anschaffungen greift die klassische Investitionsrechnung zu kurz, wenn nur die Einsparung an Personalstunden angesetzt wird. Realistischer ist eine Betrachtung, die vier Effekte zusammenführt: verkürzte Rüst- und Wartungszeiten, geringere Ausfallzeiten durch körperliche Belastung, vermiedene Werkzeugschäden und eine planbarere Personaleinsatzstruktur. In Betrieben mit häufigen Werkzeugwechseln liegen die Amortisationszeiten dann häufig im Bereich weniger Jahre.

Entscheidend ist allerdings die Passung. Gewichte, Abmessungen, Kippwinkel, Anbindung an Kran oder Flurförderzeug und die Frequenz der Wechsel unterscheiden sich von Halle zu Halle erheblich. Eine Beratung zu Werkzeugwendern beginnt deshalb sinnvollerweise mit der Aufnahme der vorhandenen Werkzeuge und Abläufe und nicht mit einer Produktauswahl. Wer die eigenen Prozesse vorab nicht sauber erfasst hat, kauft im Zweifel eine Anlage, die technisch einwandfrei ist und trotzdem nicht in den Ablauf passt.

Fazit

Innerbetriebliche Handhabung ist kein Randthema der Logistik, sondern ein Produktivitätsfaktor mit messbaren Auswirkungen auf Fehlzeiten, Anlagenverfügbarkeit und Personalbindung. Die volkswirtschaftlichen Zahlen zeigen die Größenordnung, die betriebliche Rechnung macht sie konkret. Für Unternehmen, die ihre Fertigung unter Kostendruck weiterentwickeln müssen, lohnt sich der Blick auf jene Vorgänge, die zwischen den Wertschöpfungsschritten liegen – dort liegen die Reserven oft näher, als die Bilanz vermuten lässt.